Angst…

Jede Generation hatte ihren Krieg, ihre Angst und ihren Terror.

Meine Großeltern haben teilweise den zweiten Weltkrieg miterlebt, meine Mutter sorgte sich wegen der Baader-Meinhoff Bande, in meiner Kindheit gab es die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, es folgte unter anderem der Jugoslawienkrieg oder den Nordirlandkonflikt.

Für mich als Kind war das alles nicht richtig greifbar. Ich spürte die Ängste, hatte sie zum Teil auch selber, aber alles war weit weg. Direkt betroffen war ich zum Glück nicht.

Als am 11.September 2001 die Terroranschläge in den USA erfolgten, war ich erschüttert und sprachlos. Die Angst vor solchen Anschlägen gehörte von nun an mit dazu, eppte mal wieder etwas ab, tauchten aber immer wieder auf wenn irgendwo erneut etwas passierte.

Letzte Woche, am Samstag morgen gab es diesen Moment, indem das Herz kurz stehenblieb. Ich hörte die Nachrichten, brauchte einige Sekunden um das Gehörte zu realisieren und war traurig. Die Welt ist grausam, es ist ja nicht nur Frankreich, im Libanon wurden ebenfalls bei einem Bombenanschlag 44 Menschen getötet. Ganz zu schweigen von Syrien oder den anderen Ländern, aus denen die Menschen flüchten. Für diese Menschen gehört so ein Bombenangriff zum Alltag. Für die Kinder dort ist das Geräusch so vertraut, wie für unsere der Klang des Martinshorns.

Mit Fassungslosigkeit hab ich beobachtet, wie der Bombenangriff in Paris von der rechten Seite aufgefangen wurde und dies in Zusammenhang mit den Flüchtlingen gebracht wurde. Dabei ist das doch genau der Terror, vor dem sie geflüchtet sind! Ich kann die Menschen einfach nicht verstehen!

Gestern Abend sollte nun das Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande in Hannover stattfinden. Die Stimmung war ja schon recht nervös, doch es sollte als Zeichen gegen den Terror stattfinden.

Ich wohne mit meiner Familie mitten in Hannover. Gestern war den ganzen Tag über recht viel Polizei zu hören. Mein Sohnemann fand das großartig und schrie lauthals Tatü Tata, sobald er wieder etwas hörte. Er weiß nicht, was das bedeutet, er freut sich einfach nur über die bunten Lichter und den Krach. Als ich abends mitbekam, dass das Spiel abgesagt wurde und das Stadion geräumt wird, da wurde ich doch etwas unruhig. Wir schalteten die Nachrichten ein und sahen recht fassungslos der Berichterstattung zu. Die Leute sollten schnell, am besten in kleinen Gruppen nach Hause. Die Bahn hat nicht mehr an allen Haltestellen gehalten, die Straßen waren voll und die Leute sollten zuhause bleiben.

Und das in Hannover. Ich hielt es nie für unwahrscheinlich, dass auch in Deutschland mal etwas passieren könnte. So in München, Berlin, Köln oder Hamburg war das denkbar für mich. Aber hier…

Nun sitze ich also mitten in der Stadt, um die es gerade in den Nachrichten geht und habe Angst. Mein Handy piept oft und ich werde gefragt ob es uns gut geht. Ich bin nervös und habe Sorge was und ob da noch etwas kommt. In meiner Wohnung fühlte ich mich natürlich sicher, aber irgendwie hat es mich angreifbar gemacht, dass es hier um meine Stadt geht. Zum Glück ist ja alles gut ausgegangen, aber der Terror war auf einmal doch ganz dicht vor der Tür. Selbst wenn gestern alles gut gegangen ist, ein Ziel haben die Terroristen auf jeden Fall erreicht. Ich habe Angst und ich erlebe sie nun in einer noch die dagewesenen Intensivität, denn es geht hier nicht mehr nur um mich.

In den Zimmern liegen meine beiden Kinder und schlafen friedlich. Sie wissen nichts von den Schrecken dieser Welt. Meinem Tochterkind haben wir erzählt, dass da etwas in Frankreich passiert ist, sie weiß dass hier viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen weil sie vor Krieg und Elend fliehen, aber sie hat in ihrem inneren noch keine Angst. Für sie ist es klar, dass wir den Menschen helfen, dass sich die Polizei um die bösen Menschen kümmert und alles gut ausgehen wird. Ich wünsche mir, dass sie ihren kindlichen Optimismus noch sehr lange behalten kann. Ich wünsche mir, dass sie nicht in nächster Zeit erfahren muss, dass leider nicht immer alles gut ausgeht.

Ich wünschte mir, dass meine Kinder in einer Welt aufwachsen könnten, in der sie keine Angst haben müssen und voller Vertrauen wachsen dürften. Doch es wird nicht immer jeder Wunsch erfüllt. Ich versuche mit meiner Angst umzugehen und sie im Zaum zu halten. Sie soll mein alltägliches Leben nicht beeinflussen, weglaufen kann ich eh nicht vor den Dingen die da kommen mögen.

IMG_20151118_154613275Wo die Welt da draußen gerade nun so furchtbar und unfassbar ist, ist mir danach mein Heim gemütlich zu machen. So zünden wir Kerzen an, schalten Lichterketten ein, kuscheln uns zusammen und sind dankbar dafür, dass wir in einem Land leben, das so sicher ist und wir diese Möglichkeit des Innehaltens haben.

Ich weiß, dass ganz viele Menschen auf dieser Erde dies nicht haben und ich hoffe auf eine bessere Welt, damit unsere Kinder vielleicht der Spirale aus Krieg, Terror und Angst entkommen können.

 

 

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